Singener, „Rucket zämme!“

Singener, „Rucket zämme!“

Quelle: Singener Wochenblatt, 11.11.2022 von Philipp Findling

https://www.wochenblatt.net/singen/c-nachrichten/singener-rucket-zaemme_a95469

Nach zwei Jahren, die sich für manch einen Narr wie eine Ewigkeit anfühlt, kann in diesem Jahr endlich wieder eine ordentliche Fasnacht stattfinden. Hierzu musste jedoch erst einmal der Poppele aus einer Gruft am Hohentwiel beschworen werden, was traditionell um 11:11 Uhr in der GEMS erfolgte.

Fasnacht ist in dieser schnelllebigen Zeit eine Festzeit, die alle Singener nur ungern missen möchten. Den Poppele hatte man schmerzlich vermisst, umso schöner war das Gefühl, ihn endlich wieder ohne schlechtes Gewissen herbeirufen zu können. „An unserer Fasnet ist alles echt und beständig. Daher ist es ein wunderbares Zeichen, dass wir seit 1860 den Poppele leibhaftig bei uns haben“, so Zunftmeister Stephan Glunk in seiner Eröffnungsrede. Nach der Verlesung der Tagesordnung schritt man – um die Sitzung auch bloß nicht um eine Minute zu überziehen – schnellen Wortes mit der Begrüßung der Festgäste fort. Neben OB Bernd Häusler wurden weitere Ehrengäste wie unter anderem Claudia Kessler-Franzen von „Singen Aktiv“ sowie Landtagsabgeordneter Hans-Peter Storz mit einem kräftigen „Horig“ und „Herrlich“ willkommen geheißen. Und sogleich erfolgte mit der Poppele-Beschwörung und der Vorstellung der Singener Fasnetsfiguren der Höhepunkt der Ratssitzung. Von Donner und Rauch umgeben entstieg die seit Jahren von Timo Hecker verkörperte Leitfigur der Singener Fasnet aus seiner Gruft am Hohentwiel und brachte nach seiner berühmten Ansprache die Rebwieber, den Hoorige Bär, den Blätzlihansel und der Schellenhansel gleich mit auf die Bühne der GEMS. Nachdem diese sich wieder hinter die Kulissen zurückzogen, verfolgte der Poppele den traditionellen Jahresrückblick durch Ali Knoblauch von oben herab.

Nachdem zu Beginn unter dem Motto „Unser Dorf soll schöner werden“ der Gestaltungsbeirat sein Fett wegbekam und man laut Knoblauch hier „den ein oder anderen Euro besser in Geranien investiert“ hätte, bat er den OB, den er hier kurzerhand „König Bernd“ taufte, um eine großzügige Geldspende im Verhältnis zur Größe des Stadtturnvereins, der seit Jahren um eine richtige Halle kämpft: „20 Millionen Euro wären da schon angebracht.“, so Knoblauch. Die Sparkasse, die von der Narrebolizei eine Spendenurkunde über zwei Cent entgegenahm, blieb ebenfalls nicht verschont. Auch die Klimapolitik wurde mit einem Augenzwinkern betrachtet: „Es gibt Vorschläge, die sind mehr oder weniger genial, doch finden tun wir sie nicht überall“, so der Zunftkanzler. Es solle seiner Meinung nach auch ausreichen, sich bei künftigen Protesten mit den Mottoaufklebern am Rathaus festzukleben, um der Umwelt somit etwas Gutes zu tun. Claudia-Kessler-Franzen und Dr. Gerd Springe wurde nach dessen Abschied von „Singen aktiv“ von Knoblauch doch beinahe mit Charles und Camilla verglichen, ehe man dem neuen Duo im Verbund mit Wilfried Trah wieder eine 20-jährige Beziehung wünschte. Starke närrische Kritik gab es an der erneuten Baustelle an der Schaffhauser Straße. Diese sei laut Knoblauch mittlerweile Tradition und mit unseren eidgenossischen Nachbarn nicht zu vergleichen: „So oft wie man hier das Bahngleis umstelle, bauet die Schweizer im Gotthard en weiteres Tunnele.“ Nach einem Schwenk über (nicht) stattgefundene Feste in der Stadt wie dem Weihnachtsmarkt, der Sichelhenke und dem Martinimarkt stellte der Zunftkanzler eines klar: „Diese Feste gäbe es ohne die Vereine nicht. Sie wurden gerissen von Jung bis zu den Greisen und die Fasnacht wird dies in diesem Jahr wieder einmal beweisen.“ Auch der bald kommende Rhyhas war bei der Zunft ein Thema, so wolle man Knoblauch zufolge dies bewusst von Schweizern betreiben lassen, damit die Hegauer immer pünktlich seien. Einen Vorschlag für weitere Schienenkreuzer hatte er auch gleich parat: „Auf dem Etswiel könnte man eine Museumsbahn bauen, genannt der Feldhas und beim Hontes eine Seilbahn, den Dachhas.“ In Anlehnung an Hans Rosenthal fand er auch warme Worte über die Dramatischen Vier: „So sage ich so lang‘ ich hier unten sitze, diese Truppe war einfach SPITZE!“ Bürgermeisterin Ute Seifried, die von Knoblauch anfangs noch als „Mauerblümchen“ bezeichnet wurde, wird von der Zunft fortan „Banana Queen“ genannt, nachdem diese beim Abend des Ehrenamtes fasziniert über dieses Obst philosophiert habe.

Beim nächsten Tagesordnungspunkt wurde zunächst Frank „Franky“ Kraus für seine Verdienste für die Narrenjugend in den Ehrenrat berufen. Dieser bedankte sich bei Zunftmeister Glunk und schwor nichtsdestotrotz, wie bisher weitermachen zu wollen. Mit Daniel Kech konnten der Zunftsrat ein neues Mitglied in seinen Reihen begrüßen. Kech, der unter anderem Vorstand im DJK-Handball ist und aus der Hansele-Gruppe stammt, wird in diesem Jahr als Marktmeister den Närrischen Markt leiten. Nach einem Schwur auf die Zunft und den Poppele wurde er – wie Kraus auch für den Ehrenrat – vom Schirmherrn der Singener Fasnet mit einem Peitschenschlag im Rat aufgenommen.

Lange mussten die Festgäste warten, bis mit „RUCKET ZÄMME!“ das diesjährige Motto der Singener Fasnet verkündet wurde. Ekkehard Halmer erläuterte dies wie folgt: „Traumhaft wär’s, wenn mir alle ab sofort auch in solchen Zeiten ein bisschen „zämmerücke“ können. Egal ob’s einen links oder rechts von der Bank runterhaut – wichtig ist, mir mache’s nur!“ Nach dem festlichen Lied von der Scheffelhalle wurde ein laut Glunk mittelalterlich anmutendes Skript kurzerhand in ein Theaterstück umgewandelt. Darin kämpften „Ritter Bernd vom Twiel“, gespielt vom OB höchstselbst, und Simon von Zell, brillant verkörpert von Ekkehard Halmer, um die Zentralisierung des Krankenhauses, auf welches sowohl Singen als auch Radolfzell bekanntlich Anspruch erheben. Dieser ritterliche Streit wurde von Landvogt Zeno von Konstanz, hier vom Poppele selbst gespielt, jäh beendet. Mit dem Lied zum diesjährigen Motto und einem Ausblick auf die kommenden Veranstaltungen fand die Ratssitzung pünktlich um 12:41 Uhr nach Verabschiedung durch Zeremonienmeister Ingo Arnold ihr Ende.

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